Ein Leben mit der Diagnose Multiple Sklerose

Ein Leben mit der Diagnose Multiple Sklerose

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Mittlerweile gibt es in Deutschland neuesten Schätzungen zufolge mindestens 300.000 MS-Patienten, Tendenz steigend. Entgegen landläufiger Meinung handelt es sich nicht um eine Erkrankung des Erwachsenenalters, sie werde nur in vielen Fällen noch immer zu spät diagnostiziert, sagt der Neurologe Stefan Schlesinger, Oberarzt an der Neurologischen Klinik am RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt. Er betont allerdings auch, dass die Diagnose längst nicht mehr bedeute, lebenslang mit Behinderung leben zu müssen. Im Gespräch mit dem RHÖN-Gesundheitsblog erklärt er unter anderem, weshalb die Behandlungsmöglichkeiten bei MS immer besser werden und wie man der Erkrankung vorbeugen kann.

Multiple Sklerose ist eine Überschussentzündungsreaktion ähnlich einer Allergie, erklärt Stefan Schlesinger. Ein der Medizin bislang unbekannter Stimulus befehle dem Immunsystem eine Attacke: Diesem sei allerdings oft nicht ganz klar, was genau es angreifen solle. „Und wenn man Pech hat, ist das Opfer das Nervensystem”, sagt der Arzt. Ganz am Ende der Kette stünden diverse Funktionsstörungen, die das Leben von MS Betroffener maßgeblich prägen können.

Die gute Nachricht: „Heute muss man nicht mehr an einer MS sterben”, sagt Schlesinger. Das liegt auch darin begründet, dass die Medikamente immer spezifischer wirksam sind. Die Lebenserwartung habe sich in den vergangenen 60 Jahren dramatisch verbessert. Teil des Erfolgsrezepts ist außerdem, die Diagnose möglichst frühzeitig zu stellen: „Je früher wir therapieren, desto besser ist die Effizienz der Behandlung“, sagt der Neurologe.

Und diese könne mittlerweile so gut sein, dass die Krankheit erst gar nicht ausbreche. „Dann nämlich, wenn wir Ärzte wirklich die bestehenden diagnostischen Ressourcen konsequent ausschöpfen.” Die Neurologische Klinik am RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt ist ein Zentrum mit ausgewiesener Expertise in der MS-Behandlung mit einem von der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) zertifizierten Multiple-Sklerose-Diagnose- und Therapiemanagement.

Früher ist es so gewesen, dass der Patient vor der Diagnose über Jahre hinweg mehrere neurologische Ausfallerscheinungen gehabt und Ärzte langwierig nach der Ursache gesucht haben, bis die MS Diagnose gestellt wurde. Heute hingegen funktioniert das deutlich einfacher.

Hilfe durch die Magnetresonanztomographie (MRT)

Helfen kann wie so oft moderne Technologie, im konkreten Fall das MRT. Dieses liefert dem Arzt ein anschauliches Bild des Zentralen Nervensystems. Mit ihm und anhand weniger Labortests lässt sich eine schon vorhandene oder auch eine sich künftig erst entwickelnde Entzündung im Körper des Patienten, also eine MS, mittlerweile ziemlich genau nachweisen.

Und das, obwohl der Patient zu dieser Zeit oftmals noch über keine gravierenden Symptome klagt. „Mit dem richtigen Ansatz wird die Erkrankung also erst gar nicht ausbrechen”, sagt Schlesinger. Das heißt natürlich auch, dass die der Bevölkerung hinlänglich bekannten Behinderungen, wie etwa Gang- , Seh- oder Sprachstörungen, erst gar nicht eintreten müssen.

Zudem mache die Medizin große Fortschritte bei der Suche nach den Gründen für das Entstehen von MS-relevanten Entzündungen und den für diese verantwortlichen Zelltypen: „Wenn wir diese im Blut näher bestimmen könnten, wäre das positiv für den Verlauf der MS”, sagt Schlesinger. Diese Annahme habe sich längst bestätigt. Mittlerweile erlaube das aktuelle Therapiespektrum eine auf den jeweiligen MS-Patienten abgestimmte gezielte Behandlung.

Wichtig ist vor allem zu wissen, welcher Patient von welchem Medikament profitieren könne. Hilfestellung leisten kann hier, neben dem Einsatz moderner Technologie, die sogenannte Immunologische Diagnostik. „Wichtig ist, dass man möglichst schnell ein passendes Präparat findet, da bei stärker werdender Entzündung die Wahrscheinlichkeit für eine Behinderung steigt”, sagt Schlesinger.

Erfolg ist Freiheit von Entzündungsaktivität

Fest steht schon jetzt: Die Neurologie macht auf dem Gebiet der Bekämpfung von Multipler Sklerose große Fortschritte. Bei all jenen Patienten, die an der häufig vorkommenden sogenannten schubförmigen MS leiden, könne man mittlerweile die Entzündungsaktivität weitgehend kontrollieren, sagt Schlesinger: „Nehmen diese Patienten die richtigen Medikamente zur richtigen Zeit, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für ein zukünftiges behinderungsfreies Leben.”

Bald könnte das MRT durch eine noch ausgereiftere Technologie, den neurogenetischen Scan, abgelöst werden. Die molekulare Diagnostik erlaubt es zukünftig, Autoimmunerkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu klassifizieren.

Bis es dazu kommt, kann man auch selbst einer MS aktiv entgegenwirken. Auf der Suche nach den Faktoren, die die Erkrankung beeinflussen, werde man nach und nach fündig, sagt Schlesinger. Gefährdet sind zum Beispiel Menschen, die hohe Fettkonzentrationen in ihrem Blut aufweisen. Nikotin und somit das Rauchen von Tabak unterstützen ebenso wie ein erhöhter Salzkonsum chronisch-entzündliche Prozesse im Körper.

Und auch Vitamin-D-Mangel sei ein Hochrisikofaktor. Der nicht sein muss. Wenn man durch ausreichendes Sonnetanken sowie durch eine zusätzlichen Einnahme von Vitamin D einen hohen Vitamin-D-Spiegel im Körper erzeuge, könne man die MS-Risiko-Rate um bis zu ein Drittel reduzieren, sagt Stefan Schlesinger: „Ein gesunder Lebensstil schützt also auch vor vielen neurologischen Erkrankungen.“


Stefan Schlesinger, Oberarzt der Neurologischen Klinik Bad Neustadt

Ihr Experte für neurologische Erkrankungen:
Stefan Schlesinger

Oberarzt an der Neurologischen Klinik am RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt

 

Das macht eine „MS-Nurse”

Als speziell geschulte MS-Nurse begleitet Angela Götz-Jackman die an Multipler Sklerose leidenden Patienten während ihres stationären Aufenthalts in der Neurologischen Klinik am RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt und steht ihnen auch für die häusliche Betreuung zur Verfügung.

„Alle Patienten, die hier stationär sind, bekommen eine Visitenkarte mit meiner Telefonnummer“, sagt Götz-Jackman im Gespräch mit dem RHÖN-Gesundheitsblog: „Sie können mich dann bei all denjenigen Fragen anrufen, bei denen nicht unbedingt ein Arzt erforderlich ist.” Oftmals, sagt die MS-Nurse, seien das Fragen wie: Was muss ich im Urlaub beachten? Was darf ich essen? Darf ich Sport machen?

Das Bild vom MS-Kranken im Rollstuhl will Angela Götz-Jackman so nicht stehenlassen. Mit Medikamenten lasse sich die Krankheit mittlerweile sehr positiv beeinflussen, sagt sie aus Erfahrung: „Die schweren Fälle haben wir zum Glück nur noch sehr selten.”

Und wie würde sie sich selbst bezeichnen? „Ich bin eine Zuhörerin”, sagt sie: „Viele meiner jungen Patienten fallen nach der Diagnose erst einmal in ein schwarzes Loch. Ich betrachte mich insofern als Reisebegleiterin in die MS, informiere über die Erkrankung und die zu erwartenden Symptome – und nehme meinen Patienten so im Idealfall ein bisschen von ihren Zukunftsängsten.”

 

MS-Nurse Angela Götz-Jackman mit Oberarzt Stefan Schlesinger (beide links)
MS-Nurse Angela Götz-Jackman (l.), ihre Kollegin Ruth Reder (r.) mit Oberarzt Stefan Schlesinger (Mitte links) und dem Vorstand Medizin & Ärztlichen Direktor der Neurologischen Klinik am RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt, Professor Bernd Griewing (Mitte rechts)