Atemlos in Afrika

Atemlos in Afrika

Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel – ab einer Höhe von 2.500 Metern erkranken rund zwei Drittel aller Bergsteiger an der Höhenkrankheit. Lässt sich das Risiko minimieren? Ein Team des Uniklinikum Gießen und Marburg (UKGM) hat sich nach Tansania aufgemacht, um Risikofaktoren und Symptome der Krankheit zu untersuchen.

Zu viele Höhenmeter in zu kurzer Zeit – das ist lauf Christian Kreisel der häufigste Fehler, den Bergwanderer am Kilimandscharo machen. Kreisel, der am UKGM gerade seinen Facharzt als Allgemeinmediziner macht, kennt sich aus: Schon fünf Mal hat er den 5.895 Meter hohen Kilimandscharo bestiegen und dabei untersucht, wie sich Bergsteigetempo und Höhe auf den Menschen und seine Gesundheit auswirken. Im Februar dieses Jahres ergab sich nun die Chance, die Höhenkrankheit bei einer Expedition in einer größeren Gruppe Bergsteiger zu erforschen. „Auslöser war die Anfrage eines Sportreiseveranstalters, ob ich Interesse hätte, als Mediziner eine seiner Reisen auf den Kilimandscharo zu begleiten. Schnell war es klar, dass wir das seitens des UKGM mit einem Forschungsprojekt zur Höhenkrankheit verbinden“, berichtet Kreisel.

Rund ein Jahr dauerte die Vorbereitung – inklusive Organisation der medizinischen Untersuchungen am Berg. Denn um die Auswirkungen der Höhe auf den menschlichen Körper in Echtzeit zu erfassen, wurden 24 Teilnehmer nicht nur vorab untersucht, sondern sollten auch vor Ort täglich selbst ihren Gesundheitszustand beurteilen. Kreisel: „Hierfür beantworteten die Teilnehmer Fragen zu ihrer gesundheitlichen Selbsteinschätzung, aber auch zu ihrem mentalen Zustand, ob sie beim Aufstieg beispielsweise Angstgefühle entwickelten. Denn auch das kann ein Indikator der Höhenkrankheit sein.“ Hinzu kamen Medizinchecks und Bluttests auf 1.600, 3.700 und 4.700 Metern sowie bei Erreichen des Gipfels und auf dem Rückweg bei 3.700 Metern.

Im Schnitt erkranken gut zwei Drittel der Bergsteiger an der Höhenkrankheit, die im schlimmsten Fall sogar zum Tod durch Hirn- oder Lungenödem führen kann. Laut Statistik bestand für Kreisels Gruppe demnach eine Wahrscheinlichkeit, dass um die 16 Teilnehmer erkranken. „Tatsächlich waren es sogar 18“, erklärt der 38-Jährige. „Wobei eine Teilnehmerin sehr frühzeitig wegen Fieber ausschied und nicht eindeutig geklärt werden konnte, ob es wirklich die Höhenkrankheit war.“ Lediglich vier der Gipfelstürmer blieben komplett beschwerdefrei. Kreisel: „Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es eher Jüngere erwischt. Und wer schon früher unter der Höhenkrankheit litt, den trifft es mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder.“ Typische Symptome sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, aber auch Atemnot und Schwindel. Treten diese Anzeichen schon früh oder sehr intensiv auf, bleibt dem Betroffenen nur der Abstieg.

Auch Kreisel ist das bei einem früheren Aufstieg schon passiert: „Ich hatte damals vor der Bergtour eine Bronchitis, sodass meine Lungen noch angegriffen waren.“ Die vollständige Auswertung der Blutproben und Fragebögen dauert derzeit noch an. Eine erste Erkenntnis von Kreisel ist jedoch, dass viele Teilnehmer – vielleicht aus falschem sportlichen Ehrgeiz – in den Fragebögen typische Symptome wie Kopfschmerzen oder Übelkeit gar nicht oder nur als gering vorhanden angegeben haben. „Das bedeutet bei einem Aufstieg ohne medizinische Begleitung natürlich ein Gesundheitsrisiko“, mahnt Kreisel. Ein Ziel der Studie ist es deshalb, nicht nur Risikofaktoren besser einschätzen zu können, sondern auch Fragebögen für Touristen zu entwickeln, die als verlässliches Frühwarnsystem dienen.

Kooperation mit Krankenhäusern vor Ort

Doch bei der Expedition ging es nicht nur um die Erforschung von Faktoren und Symptomen der Höhenkrankheit. Vor allem Kreisel pflegt seit vielen Jahren enge Kontakte nach Afrika und engagiert sich dort bei medizinischen Hilfsprojekten. „Ein Engagement, das wir seitens des UKGM gerne ausbauen möchten“, sagt Professor Dr. Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer des UKGM am Standort Marburg. Er begleitete die Reise nach Tansania, um neben der Expedition auch Kontakte zu lokalen Gesundheitseinrichtungen zu knüpfen.

„In der Region um den Kilimandscharo mit rund 15 Millionen Einwohnern gibt es nur ein Universitätskrankenhaus in der Stadt Moshi“, berichtet Renz, der vor Ort unter anderem mit dem Leiter der Klinik sprach. „Ich habe bei Besuchen einen guten Überblick über die Situation in der Klinik und den Gesundheitsstationen in der Umgebung bekommen und nun prüfen wir, wie eine Zusammenarbeit mit dem UKGM aussehen kann.“ Der Plan: Bis Ende 2018 soll diese Kooperation präzisiert und erste Schritte sollen in die Wege geleitet werden.

 

Kilimandscharo

Der Kilimandscharo ist mit 5.895 Metern das höchste Bergmassiv Afrikas und seit 1987 UNESCO-Weltnaturerbe. Das Massiv liegt im Nordosten Tansanias und zieht pro Jahr rund 30.000 Touristen an. Viele der Reisenden unterschätzen allerdings die Strapazen des Aufstiegs und das Risiko der Höhenkrankheit, sodass pro Jahr geschätzt 50 Todesfälle am Berg auftreten.