Spitzenmedizin in Gießen: Trikuspidalklappe erstmalig per Kathetereingriff implantiert

Spitzenmedizin in Gießen: Trikuspidalklappe erstmalig per Kathetereingriff implantiert

Die sogenannte Trikuspidalklappe an der rechten Herzseite ist unter Nicht-Medizinern wenig bekannt. Schließt sie allerdings nicht richtig, hat das für Betroffene oft weitreichende Konsequenzen: Herzversagen, Kurzatmigkeit, Wassereinlagerungen oder Herzrhythmusstörungen.

In den meisten Fällen war dann bisher ein chirurgischer Eingriff die einzige sinnvolle Eingriffsmöglichkeit. Doch die ist ziemlich aufwendig: Das Brustbein wird durchtrennt und das Herz vorübergehend stillgelegt. Ein Vorgehen, das für Patienten, die unter schwerwiegenden Nebenerkrankungen leiden, zu risikoreich ist.

Die gute Nachricht: Spezialisten des Gießener Herz- und Gefäßzentrums ist es jetzt gelungen, einer Patientin eine der weltweit ersten Trikuspidal-Klappenprothesen einzusetzen, und das anhand einer schonenden, kathetergestützten Operationsmethode. „Sie litt an massiver Luftnot und Wasseransammlung in den Beinen. Zudem hatte sie zahlreiche Nebenerkrankungen, so dass ein chirurgischer Eingriff für sie keine Option war”, sagen Professor Holger Nef, der Leiter des Herzkatheterlabors, und sein Kollege Dr. Peter Roth, Leitender Oberarzt der Herzchirurgie. Ein solcher Härtefall ist zur Zeit noch Voraussetzung für den Einsatz dieser speziellen Klappenprothese. Sie darf also nur dann verwendet werden, wenn es für Patienten keine zufriedenstellende Alternative gibt, die Erkrankung ansonsten zu einer schweren Behinderung führen würde oder lebensbedrohend ist.

Im konkreten Fall war der Eingriff ein voller Erfolg für die Gießener Spezialisten. Neben medizinischen Fachwissen kommt es hier natürlich auch auf die Qualität der Prothese an. Und die fällt qualitativ hochwertig aus: Die Herstellung erfolgt für jeden Patienten individuell und passgenau – und aus biologischem Material. Dabei werden in der Klinik CT-Bilder von Herzen gemacht und an die Herstellerfirma weitergegeben. Dort vermessen Medizintechniker die anatomischen Gegebenheiten des einzelnen Patienten genauestens. Neben der Größe und Lage der Venen und der benachbarten Blutgefäße werden auch weitere klinische Daten in einer Patientencheckliste erfasst: Wie ist der Allgemeinzustand? Welche Medikamente werden genommen? Wie hoch ist der Arteriendruck? Sind alle Bedingungen erfüllt, wird die Klappe in Auftrag gegeben – und anschließend eingesetzt.

Dieser Schritt funktioniert ohne großen Aufwand, was eben besonders für Patienten mit schwerwiegenden Nebenerkrankungen wichtig ist: Anhand eines kleinen Schnitts an der Beinvene schieben die Spezialisten die Klappe mit Hilfe eines Führungsdrahtes, des sogenannten Katheters, bis zum Herzen. Dabei können sie den Weg genauestens am Bildschirm verfolgen und so schon während des Eingriffs sicher gehen, dass die Klappe an der richtigen Stelle sitzt.

Nur 60 Minuten hat der erste kathetergestützte Trikuspidal-Klappenersatz am Gießener Herz- und Gefäßzentrum gedauert. Die Patientin habe sich mittlerweile von dem Eingriff „gut erholt”, sagen die beteiligten Mediziner.

„Das gute Ergebnis dieser Premiere sei das Ergebnis einer „ganz besonderen Teamleistung, und wir freuen uns alle sehr darüber”, sagt der Kardiologe Holger Nef.

Für Patienten mit erhöhtem Operationsrisiko gibt es somit in Gießen jetzt eine echte Alternative. Sie ermöglicht es nicht nur, die Lebensqualität Betroffener wieder deutlich zu steigern, sondern auch langfristig eine optimale Versorgung defekter Klappen zu erreichen. „Als innovatives Zentrum an einem Universitätsklinikum ist die Einführung solcher neuer Verfahren unser gelebter Anspruch, die Versorgung unserer Patienten stetig zu verbessern und zu erweitern, um das für den Einzelnen bestmögliche Behandlungsergebnis zu erreichen”, sagt Professor Andreas Böning, Direktor der Klinik für Herz-, Kinderherz- und Gefäßchirurgie, der gemeinsam mit Professor Christian Hamm, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie, das Gießener Herz- und Gefäßzentrum leitet.

Hier werden jährlich rund 6.000 stationäre Patienten versorgt. Als eines der gefragtesten Versorgungseinrichtungen Deutschlands deckt es das gesamte Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten der Kardiologie und Herzchirurgie ab.