Glutenunverträglichkeit – Das muss man wissen

Glutenunverträglichkeit – Das muss man wissen

Bis zu ein Prozent der Bevölkerung leidet Schätzungen zufolge an einer Glutenunverträglichkeit. Was dagegen hilft und welche Arten der Krankheit unterschieden werden müssen, erklärt Dr. Rainer Kuhn, Ärztlicher Direktor der RHÖN-Kreisklinik Bad Neustadt und dort Chefarzt des Bereichs Innere Medizin.

Ist das in vielen Lebensmitteln vorkommende Gluten, ein Getreideeiweiß, per se gefährlich für den Menschen? Klare Antwort: „Nein“, sagt Dr. Kuhn. Gluten ist nur schädlich für Menschen, die von einer sogenannten Glutenunverträglichkeit betroffen sind, einer Autoimmunerkrankung, wie sie etwa auch bei Typ-1-Diabetes vorliegt.

Das Klebereiweiß Gluten ist in zahlreichen Getreidesorten enthalten, unter anderem in Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel. Bei Menschen mit einer Zöliakie, einer bestimmten Ausprägung der Glutenunverträglichkeit, lösen bereits geringste Mengen Gluten eine chronische Entzündung der Dünndarmschleimhaut aus, mit zum Teil schwerwiegenden Symptomen.

Drei Krankheitsbilder, ähnliche Symptome

Neben dem Krankheitsbild der Zöliakie, einer dauerhaften Unverträglichkeit des Immunsystems gegenüber Gluten, umfasst die Glutenunverträglichkeit auch die der Weizenallergie und der Gluten- und Weizensensitivität, einer nicht allergischen, glutenbedingten Funktionsstörung. Die Symptome aller drei Krankheitsbilder sind sehr ähnlich. Am häufigsten treten Verdauungsbeschwerden, Durchfall und Blähungen auf, gefolgt von unspezifischen Symptomen wie Hautproblemen, Erschöpfung und Kopfschmerzen oder Migräne.

Während Zöliakie und Weizenallergie gut erforscht sind, wird seit einiger Zeit über eine neue Form der Gluten-Unverträglichkeit diskutiert: Gluten-/Weizensensitivität. Eine konkrete Diagnoseerstellung ist bislang noch nicht möglich, Zöliakie und Weizenallergie müssen aber zunächst medizinisch ausgeschlossen werden.

„Lebenslang komplett auf Gluten verzichten“

Bei allen drei Krankheitsbildern, die Menschen allen Alters betreffen, führt der Verzicht auf glutenhaltige Nahrungsmittel zu einer Besserung der Symptome, weiß die Medizin mittlerweile. „Menschen, die unter Zöliakie leiden, müssen lebenslang komplett auf Gluten verzichten“, sagt Dr. Kuhn. Das gilt schon für Spuren von Gluten, da diese den Darm sonst nachhaltig schädigen und Mangelerscheinungen entwickeln können.

Menschen, bei denen dagegen eine Gluten-/Weizensensitivität diagnostiziert wird, schädigen ihren Darm nach derzeitigem Kenntnisstand nicht und können unter Umständen sogar eine glutenarme Ernährung vertragen. Besteht keine solche medizinische Notwendigkeit, dann ist der Verzehr von Gluten im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung nicht schädlich.

Ob Glutenunverträglichkeit weltweit zunimmt, lässt sich schlecht sagen, sagt Dr. Kuhn. Zumindest sei die Aufmerksamkeit für die Krankheit in den vergangenen Jahren gestiegen. Wie bei vielen anderen Krankheiten auch, ist die scheinbare Zunahme wohl auf eine verbesserte Diagnostik zurückzuführen, vermuten er und viele seiner Kollegen.

Glutenfrei = gesünder?

Dass eine glutenfreie Ernährung für jeden Menschen gesünder ist, lässt sich wissenschaftlich bisher nicht bestätigen. Denn Weizen, Roggen und Gerste enthalten, vor allem als Vollkornprodukte, auch viele wichtige Nährstoffe, Vitamine und Mineralien, beispielsweise Eisen, Vitamin D und K, auf die man nicht so einfach verzichten kann.

Schon deshalb gilt: Wer seine Ernährung umstellt, muss darauf achten, diese Nährstoffe aus anderen Quellen ausreichend zu sich zu nehmen. Nicht umsonst empfehlen Mediziner bei der Umstellung auf eine glutenfreie Diät die Begleitung durch eine Ernährungsberatung.

Abnehmen durch Glutenverzicht?

Die Möglichkeit der Gewichtsreduktion durch eine glutenfreie Ernährungsweise hat sich als Mythos herausgestellt. Fest steht mittlerweile: Wer glutenhaltige Produkte einfach durch glutenfreie Nahrungsmittel ersetzt, die die gleiche Menge Kohlenhydrate aus anderen Quellen enthalten, wird nicht automatisch abnehmen. Eine etwaige Gewichtsreduktion, vor allem in der Anfangszeit, resultiert meist aus einer allgemein bewussteren Ernährung und dem Verzicht auf spontane, meist nicht glutenfreie Snacks zwischendurch.

Bei Verdacht: Arzt aufsuchen!

In Deutschland leiden rund 60.000 Menschen an Zöliakie, wobei nach Schätzungen tatsächlich mehr als 400.000 Personen von der Krankheit betroffen sind, ohne es zu wissen.

Wer den Verdacht hat, dass der Verzehr von Gluten Beschwerden auslöst, sollte dies unbedingt durch einen Arzt abklären lassen. Dies geschieht zum Beispiel durch einen Bluttest in Verbindung mit einer Dünndarmbiopsie (Zöliakie), einen Allergietest (Weizenallergie) oder klinisch durch ein Ausschlussverfahren (Gluten-/Weizensensitivität).

Dr. Rainer KuhnIhr Experte für Darmkrankheiten:
Dr. Rainer Kuhn

Ärztlicher Direktor der RHÖN-Kreisklinik Bad Neustadt und Chefarzt des Bereichs Innere Medizin