Epilepsie – Leben mit der Krankheit

Epilepsie – Leben mit der Krankheit

Kann ich meinen Beruf weiter ausüben, wenn ich an Epilepsie leide? Oder auch: Darf ich dann schwanger werden? Es sind solche Fragen, die Dr. Vivien Homberg täglich zu hören bekommt.

Sie ist Chefärztin der Klinik für Neurologie und Leiterin der DGfE-zertifizierten Epilepsieambulanz der Klinik für Neurologie in der Zentralklinik Bad Berka. Seit 2011 kümmert sie sich dort um Patienten mit Epilepsien, und dies vorrangig in der Epilepsieambulanz.

Komplexere Fälle werden zur Diagnostik oder medikamentösen Therapieoptimierung in der eigenen Abteilung stationär aufgenommen, und dort – ohne Informationsverlust – weiter betreut. Dabei sei es gleichgültig, welche Ursache der Epilepsie zugrunde liege oder wie kompliziert mögliche Begleiterkrankungen sind, sagt die Ärztin.

Grundsätzlich ist ihr wichtig, dass jede Anfallsform sowohl in der Beratung als auch in den Therapiemöglichkeiten individuell zu sehen ist. Denn bei manchen ihrer Patienten zeigen sich epileptische Anfälle nur durch ein leichtes Zucken im Gesicht bei vollem Bewußtsein oder durch ein kurzes Wegdämmern. Bei anderen hingegen ist es der „große Krampfanfall“ mit Verkrampfungen des gesamten Körpers. Je nach Ursache der Epilepsie seien die epileptischen Anfälle auch nur ein mögliches Symptom einer zugrunde liegenden Hirnerkrankung, sagt Dr. Homberg. Zu nennen seien hier beispielhaft Erkrankungen wie Hirntumoren, Schlaganfälle oder entzündliche Erkrankungen.

Im Gespräch erklärt die Ärztin, warum Epilepsie keine „Geisteskrankheit“ ist, was das Tückische an ihr ist – und ob ein gesunder Lebensstil helfen kann, den Ausbruch der Krankheit zu verhindern.

Frau Dr. Homberg, mit welchem Irrtum über Epilepsie möchten Sie zuerst aufräumen?

Oftmals werden Epilepsiepatienten für psychisch krank gehalten. Das ist aber grundlegend falsch, wir leben nicht mehr im Mittelalter, wo man dachte, dass Epilepsie-Patienten „vom Teufel Besessene“ seien. Grundsätzlich kann eine Epilepsie jeden treffen. Denn zu den Anfällen kommt es, weil sich im Gehirn unkontrollierte elektrische Entladungen ereignen und ausbreiten. Geht man ins Detail, kann man auch von einem Ungleichgewicht zwischen hemmenden und aktivierenden Botenstoffen sprechen. Dies entsteht immer dann, wenn Hirnzellen nicht mehr richtig kommunizieren, zum Beispiel bei Narben in Folge einer Schädelverletzung oder anlagebedingt.

Was ist das Tückische an der Epilepsie?

Es gibt nichts, was uns vorhersagt, wann ein Anfall kommt. Auch nicht, wenn schon langjährig eine Epilepsie besteht. Selbst 20 Jahre nach einer Hirnverletzung kann plötzlich noch ein Anfall auftreten. Dementsprechend kann die Medizin auch nicht vorausschauend, also prophylaktisch agieren. Selbst wenn man bei den familiär gehäuften Formen ein auffälliges EEG ableitet, bedeutet das nicht, dass man an einem Tag X tatsächlich eine Epilepsie entwickelt.

Es nützt also auch nichts, prophylaktisch eine Anfallsmedikation zu verordnen?

Nein. Behandelt wird  immer nur dann, wenn man sicher ist, dass es sich nicht nur um einen einmaligen Anfall handelt, sondern um eine sich entwickelnde Epilepsie.

Wo liegt der Unterschied?

Unter einer Epilepsie versteht man mindestens zwei sogenannte unprovozierte Anfälle. Diese treten ohne ersichtlichen Auslöser auf. Ein einzelner epileptischer Anfall bedeutet nicht immer zwangsläufig, dass sich auch eine chronische Erkrankung im Sinne einer dann behandlungspflichtigen Epilepsie entwickelt. Unser Gehirn ist in bestimmten Ausnahmesituationen grundsätzlich bereit, mit einem epileptischen Anfall zu reagieren, etwa bei heftiger Schädelprellung, im Rahmen von hohem Fieber, bei Alkoholentzug etc.

Wie kann man sich einen solchen Anfall vorstellen?

Der „Klassiker“ ist der, den jeder aus Film und Fernsehen kennt, bei dem eine Person plötzlich schreit und umfällt, am ganzen Körper zuckt, die Augen verdreht, blau anläuft im Gesicht und Schaum vor dem Mund hat. Der Mensch ist in diesem Moment nicht ansprechbar und erinnert sich auch nicht an das Ereignis. Hier sprechen wir Mediziner von einem sogenannten generalisierten tonisch-klonischen oder Grand-mal („großes Übel”)-Anfall.

Was ist, wenn ein solcher Anfall während des Autofahrens auftritt?

Kommt solch ein Anfall mit Bewusstseinsverlust ohne Vorboten (Aura), hat man keine Chance mehr, das Fahrzeug zu kontrollieren. Aus diesem Grund dürfen Patienten, bei denen eine Epilepsie diagnostiziert wurde und bei denen somit klar ist, dass es mehrere Anfälle geben wird, bis die Medikamente greifen, ein Jahr lang kein Auto fahren. Andernfalls wäre das Risiko eines Unfalls einfach zu hoch. Grundsätzlich kann man sagen: Anfälle und Autofahren schließen sich aus, zumindest so lange, bis Anfallsfreiheit herrscht. Das ist natürlich einschneidend für die betroffenen Patienten und beeinflußt den Beruf gleichermaßen wie das Privatleben. Von dieser Kraftregelungen sind übrigens auch andere Erkrankungen, bei denen man plötzlich die Kontrolle verlieren kann, wie Diabetes oder Herz-Kreislaufstörungen, betroffen.

Gibt es neben dem oben erwähnten generalisierten Anfall auch andere Ausprägungsformen von Anfällen?

Ja, es gibt eine ganze Menge anderer Arten von epileptischen Anfällen – ebensoviele, wie es Hirnregionen gibt. Etwa einfache Zuckungen an der Hand, die sich zum Beispiel über den Arm ausbreiten. Oder „nur“ Abwesenheits-/Dämmerzustände, bei denen ein Mensch nicht mehr richtig auf seine Außenwelt reagieren kann. Sind Kinder von diesen „Absencen“ oder absenceähnlichen Zuständen betroffen, werden sie in der Schule häufig als „Träumer“ bezeichnet, weil sie phasenweise nicht richtig präsent sind und nur lückenhaft am Unterricht teilnehmen können. Darüber hinaus gibt es auch Anfallsformen, bei der visuelle oder akustische Phänomene auftreten, die sich allerdings von einer Halluzination, wie man sie von psychischen Erkrankungen kennt, unterscheiden. Auch aufsteigende Übelkeit aus der Bauchregion kann ein Anfallsäquivalent sein.

Auch der Besuch von Diskotheken kann für Epileptiker unter Umständen problematisch sein, hört man immer wieder…

Hier geht es um den sogenannten Stroboskop-Effekt bei schnell flackerndem Licht: Es gibt eine Flickerfrequenz, die bei bestimmten Epilepsiesyndromen provozierend wirkt. Auch beim Fahren durch eine Allee oder bei speziellen Computerspielen (schnelle Bilderfolge) kann es bei einer sogenannten „fotosensiblen Epilepsie“ zur Anfallsauslösung kommen. Abhilfe kann unter Umständen zumindest beim Autofahren eine spezielle Sonnenbrille mit Verdunkelung am Rand schaffen. Die meisten Epilepsie-Patienten weisen jedoch keine solche Fotosensibilität auf – und die können dementsprechend eigentlich auch ohne Probleme in die Disco gehen. Normale Computerarbeit oder Fernsehen sind übrigens selbst bei dieser Form der Reflex-Epilepsie kein Problem.

Welche Menschen sind von epileptischen Anfällen besonders betroffen?

Grundsätzlich kann jeden Menschen ein epileptischer Anfall ereilen, etwa während der Einnahme von Antibiotika, während man an hohem Fieber leidet oder bei einem Schädel-Hirn-Trauma. Auch Impfungen bergen manchmal das Risiko eines hierdurch provozierten Anfalls. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass man eine Epilepsie im Sinne einer chronischen Krankheit entwickelt.

Leiden eher Männer oder Frauen an solchen Anfällen?

Das kann man nicht so pauschal sagen, das hängt jeweils von der zugrunde liegenden Hirnerkrankung ab.

Wie häufig kommt Epilepsie als chronische Krankheit denn vor?

Relativ häufig. Zum einen sind da kindliche oder „altersgebundene“ Epilepsien zu nennen, die ihren Ursprung in einer genetischen Veranlagung oder Anlagestörung des Gehirns haben können. Außerdem gibt es ab dem 60. Lebensjahr noch einmal einen deutlichen Erkrankungsgipfel, wo Epilepsien auf dem Boden von Schlaganfällen, Hirnblutungen, Demenzen oder Hirntumoren auftreten. Aber natürlich kann grundsätzlich jeder Mensch in jedem Alter plötzlich betroffen sein. Es wird geschätzt, dass in Deutschland etwa 0,6 bis 0,8 Prozent der Bevölkerung an einer Epilepsie erkrankt sind. Dies entspricht etwa 600.000 bis 700.000 Menschen.

Lässt sich denn sagen, dass die Medizin die Epilepsie im Griff hat?

Das Gros der Patienten ist gut behandelbar, oftmals auch mit einem Medikament oder einer einfachen gut verträglichen Medikamentenkombination. Im Idealfall kann der Patient sein Leben nach anfänglichen Einschränkungen normal weiterführen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass man mit den medikamentösen Behandlungsoptionen ca 50 bis 60 Prozent der Patienten „anfallsfrei“ bekommt, wie wir das im Fachjagon nennen. Weitere Patienten haben als Therapieerfolg zumindest eine Reduktion der Anfallshäufigkeit oder -schwere zu erwarten. Grundsätzlich gibt es aber auch Epilepsie-Formen, bei denen man durch epilepsie-chirurgische Eingriffe Heilung, das heißt: dauerhafte Anfallsfreiheit manchmal sogar ohne Medikamente erreichen kann.

Was ist Ihnen als Ärztin bei der Behandlung besonders wichtig?

Bei jeder Erstdiagnoseversuche zu verstehen, woher die Epilepsie kommt. Außerdem geht es darum, eine gute Erstdiagnostik mittels MRT (Kernspin) durchzuführen und nach der Diagnosestellung das für den einzelnen Patienten bestmögliche und verträglichste Medikament zu wählen. Ob es wirkt, muss der Verlauf zeigen. Außerdem lege ich hohen Wert auf eine gute soziale Beratung, bezüglich beruflicher Optionen und Fahrtauglichkeit. Aber auch Schwangerschaft und Kinderwunsch sind Dinge, die man mit den Patienten klären muss.

Kann ein gesunder Lebensstil dabei helfen, im späteren Lebensalter das Auftreten einer Epilepsie zu verhindern?

Nein, es gibt keinen aktiven Schutz vor dem Auftreten einer Epilepsie. Wer an einer Epilepsie leidet, kann sich hingegen durch Vermeiden von Provokationsfaktoren zumindest bedingt vor Anfällen schützen.

Wird man als Patient zu Ihnen in die Epilepsie-Ambulanz überwiesen, was passiert dann?

Da ich eine sogenannte Epilepsie-Spezialsprechstunde habe, kommen bei mir eher die komplizierten Fälle an, die spezielle Fragen haben. Etwa solche, die eine Schwangerschaft oder die Berufsausübung betreffen. Aber auch Patienten zur Zweit- oder Drittmeinung, Therapieberatung oder Überprüfung der Diagnose. Selbstverständlich darf man aber auch zur Erstdiagnose kommen. Die Überweisung erfolgt  immer durch einen niedergelassenen Neurologen.

Dr. med. Vivien Homberg

Ihre Expertin für Epilepsie:
Dr. med. Vivien Homberg
Chefärztin der Klinik für Neurologie und Leiterin der DGfE-zertifizierten Epilepsieambulanz der Klinik für Neurologie