Wie wird man eigentlich Physiotherapeut?

Wie wird man eigentlich Physiotherapeut?

Die Ausbildung zum Physiotherapeuten ist für Schulabsolventen eine interessante und vielversprechende berufliche Perspektive. An zwei Standorten der RHÖN-KLINIKUM AG wird die Ausbildung angeboten: Lisa Janocha ist Physiotherapie-Schülerin an der ESB in Bad Neustadt. Die Schulleiterin Ulrike Stork erläutert die Ausbildung an einer privaten Schule.
Inga Müller lehrt in Gießen an der Schule für Physiotherapie . Da die Einrichtung des Universitätsklinikum Gießen und Marburg staatlich finanziert wird, kann die Ausbildung hier sogar kostenlos angeboten werden. Im Gespräch mit dem RHÖN-Gesundheitsblog erklären die drei Damen, welche Fähigkeiten Bewerber idealerweise mitbringen sollten, wie das Bewerbungsverfahren aussieht, und für welche Fächer man als Azubi die stärksten Nerven braucht.

Frau Janocha, warum wollen Sie Physiotherapeutin werden?

Janocha: Ich habe mich schon immer für Medizin interessiert, auch aufgrund meines familiären Hintergrunds. Zudem bin ich ein sehr sportlicher Mensch, und wollte, dass dieses Hobby auch in meinem Beruf eine Rolle spielt. Klar war mir auch wichtig, nah am Menschen zu arbeiten und einer sinnvollen, sozialen Tätigkeit nachzugehen.

Ist Frau Janocha da ein Einzelfall, Frau Müller?

Müller: Nein. Dieser Wunsch, anderen Menschen zu helfen, wird bei uns sehr häufig geäußert. Im Allgemeinen ist der Beruf des Physiotherapeuten einfach eine tolle Mischung aus praktischem Handwerk und theoretischer Bildung. Und mit der Aussicht auf eine sogenannte Eins-zu-eins-Behandlung, in der – auch zeitlich – die Möglichkeit gegeben ist, sich als Therapeut mit jedem Patienten individuell auseinanderzusetzen.

Gibt es besondere persönliche Eigenschaften und Fähigkeiten, die man mitbringen muss, um später ein guter Physiotherapeut zu sein?

Stork: Wichtig ist natürlich Freude daran, wie in jedem anderen Beruf auch. Und die Bereitschaft, den menschlichen Körper kennenzulernen und alles über ihn zu erfahren. Hinzukommen sollte der Wille zur sogenannten kontaktnahen Zusammenarbeit mit einem Menschen. Es geht also darum, ihn in seiner Gesamtheit aus Körper, Geist und Seele zu betrachten, ihn verstehen zu lernen, zu respektieren und seine Fehler zu akzeptieren.

An Ihren beiden Schulen läuft die Ausbildung über einen Zeitraum von drei Jahren. Wie ist sie grundsätzlich aufgebaut?

Müller: Wir in Gießen sind eine staatliche Schule mit 1,5-jährlichem Ausbildungsstart. Schließt man erfolgreich ab, ist man staatlich geprüfter Physiotherapeut. Im ersten Jahr gibt es hauptsächlich theoretischen Unterricht und praktische Übungen. Ab Ende ihres ersten Jahres, also zweiten Semesters sind die Schüler dann auch am Universitätsklinikum Gießen, um ihr Wissen in der Praxis anzuwenden und zu erweitern. Vormittags lernen sie in der Praxis am Standort, am Nachmittag gibt es weiterhin den theoretisch-praktischen Unterricht mit Übungseinheiten. Während der praktischen Einheiten begleiten die Fachlehrkräfte die Schüler in allen Bereichen.

Welche sind das?

Müller: Unter anderem Chirurgie, Orthopädie, Neurologie, Pädiatrie, Gynäkologie und Rheumatologie.

Und es gibt auch ein externes Praktikum…

Müller: Das gibt es für alle Schüler, und zwar an der Kerkhof-Klinik in Bad Nauheim – und neben der praktischen Ausbildung am Universitätsklinikum Gießen.

Wie läuft die Ausbildung bei Ihnen, Frau Stork?

Stork: Das erste Jahr findet auch bei uns ausschließlich an der Schule statt, mit theoretischem, aber auch praktischem Inhalt. Danach gibt es viermonatig wechselnde Schul- und Praktikumsintervalle, bei denen das erworbene Wissen in der Arbeit an „echten Patienten” abgerufen und vertieft wird. Durch dieses Modell kann jeder Auszubildende am Ende zwölf Monate praktische Arbeit vorweisen, die auf alle relevanten Inhalte, wie beispielsweise die Orthopädie, Chirurgie, Innere Medizin oder die Neurologie, bezogen ist.

Wann ist man fertig mit der Ausbildung?

Stork: Am Ende der Ausbildung steht das sechswöchige Staatsexamen, in dem alle Fächer mündlich, praktisch und schriftlich geprüft werden. Die Schüler erhalten nach erfolgreichem Bestehen eine staatlich anerkannte Berufsurkunde. Als Tochterunternehmen der RHÖN-KLINIKUM AG ist die ESB-Schule bemüht, möglichst viele Praktikanten in den angrenzenden Kliniken des Standorts Bad Neustadt unterzubringen. Es steht den Schülern aber auch frei, sich für einen Praktikumsplatz in einer der ausgewählten niedergelassenen Praxen zu entscheiden, die sich maximal 100 Kilometer entfernt befinden.

Frau Stork, im Gegensatz zur Gießener „Schule für Physiotherapie” von Frau Müller ist Ihre Schule in Bad Neustadt eine private Schule. Was kostet einen Praktikanten die Ausbildung?

Stork: Da unsere Ausbildung keine duale, sondern eine schulische ist, ist das Praktikum gewissermaßen „Schulausbildung“. Anders als etwa in der Pflegeausbildung gibt es daher keinen Ausbildungsvertrag im Sinne des Arbeitsrechts, also auch keine Bezahlung. Unsere Schüler müssen Schulgeld bezahlen, nach Abzug des staatlichen sogenannten Schulgeldersatzes sprechen wir hier von 166 Euro monatlich.

Welche Rolle spielt die angesprochene Kooperation mit den anderen Standorten der RHÖN-KLINIKUM AG?

Müller: Durch Honorardozenten aus dem Klinikum, wie zum Beispiel Physiotherapeuten und Ärzte, profitieren unsere Schüler von Beginn an vom Wissen des Fachpersonals.

Stork: Seit Bestehen der Schule sind auch bei uns Mitarbeiter des RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt als Honorarkräfte am Unterricht beteiligt. Die Ärzte der Kliniken sind regelmäßig als fachärztliche Dozenten für Vorträge zu Besuch. Außerdem arbeiten viele Abgänger später im Verbund der RHÖN-KLINIKUM AG.

Warum sollten Interessierte ausgerechnet Ihre Einrichtung besuchen?

Stork: Eine große Besonderheit an unserer Schule ist das vom Lehrplan festgelegte Lernen der Anatomie an sogenannten Feuchtpräparaten. So lassen sich die Sehnen, Muskeln und Bänder durch eigenes Präparieren genau studieren.

Janocha: Man lernt so wirklich ganz anders, kann ich schon aus Erfahrung sagen. Es macht echt einen großen Unterschied, ob man etwas auf einem Papier vor sich liegen hat – oder ob man es an einem echten Körper sieht. Ich verstehe viel besser, wie die Struktur aufgebaut ist und verläuft, wenn ich es in 3D gesehen habe. Für mich persönlich ist außerdem der familiäre Charakter eine Besonderheit dieser Schule. Jeder kennt jeden, und man kann auch mit den Lehrern über alles reden.

Müller: Unser Unterricht findet in einer kleinen Villa statt, in der es für die Schüler auch eine eigene Küche und einen Aufenthaltsraum gibt. Zusätzlich sind in den Jahrgängen jeweils zwei Auszubildende aus dem europäischen oder außereuropäischen Raum. Sie sind schon gelernte Physiotherapeuten, brauchen aber eine deutsche Anerkennung. Das ermöglicht einen spannenden Austausch. Außerdem rotieren die Schüler während ihrer praktischen Ausbildung durch alle Bereiche des Klinikums und durchlaufen jede Abteilung insgesamt drei Mal. Das schafft Routine.

Wie groß sind die jeweiligen Klassen, und wie wird verfahren, wenn es zu viele Bewerbungen gibt?

Stork: In jeder Klasse gibt es bis zu 30 Schüler. Falls in einem Jahr mehr Bewerbungen eingehen sollten, können wir nachträglich Plätze beantragen. In der Regel bekommt also jeder einen Platz.

Müller: Wir bekommen deutlich mehr Bewerbungen, als für die 25 Plätze nötig wären, die zur Verfügung stehen. Allerdings ist die Zahl der Bewerber deutlich zurückgegangen, was die Chance auf einen Ausbildungsplatz erhöht.

Wie findet man die geeignetsten Kandidaten?

Müller: Wir haben ein internes Aufnahmeverfahren entwickelt und prüfen die Bewerber einen Tag lang. Es gibt eine schriftliche Prüfung, die das Sprachverständnis abfragt, eine mündliche Prüfung, in der wir Vorwissen und Motivation einschätzen, und einen praktischen Teil, der Koordination, Zuhören und die Arbeit im Miteinander überprüft.

Wie ist das für die Schüler?

Müller: Oftmals eine Stresssituation, vor allem der praktische Teil, in dem die Bewerber unter genauer Beobachtung stehen. Aber auch im mündlichen Interview versuchen wir, ihnen sehr präzise Antworten zu entlocken. Wenn der Bewerber sagt, dass er gerne Menschen helfen möchte, fragen wir zum Beispiel, warum er nicht lieber Pfleger oder Hebamme werden möchte. Am Ende resultiert aus diesen Tests ein Ranking, auf dessen Grundlage die Plätze vergeben werden.

Für welche Fächer braucht man als Azubi denn die stärksten Nerven?

Müller: Die Anatomie, mit 240 Stunden, ist natürlich nicht ganz ohne. Auch durch die Physiologie mit 140 Stunden müssen die Schüler durch. Im Allgemeinen tut sich natürlich jeder mit etwas anderem schwer, das kann zum Beispiel auch eine bestimmte praktische Technik sein. Auf der anderen Seite merke ich, dass vielen Schülern die Trainingslehre, Sportmedizin, und allgemein die Trainingstherapie, viel Spaß macht. Da ein Großteil aus dem Sportbereich kommt, kann man sie hierfür einfach am besten begeistern.

Janocha: Ich finde die Anatomie echt spannend. Aber natürlich machen die vielen praktischen Fächer alle viel Spaß, also zum Beispiel Massagen oder die Rückenschule. Cool ist auch die Befunderhebung und Diagnostik, bei der wir Messungen und Tests machen.

Gab es für Sie als Schülerin ein Fach, von dem Sie nicht erwartet hätten, dass es Teil der Ausbildung ist?

Janocha: Absolut überrascht haben mich Physik und Biochemie. Und auch, dass alles so extrem detailgetreu gelehrt wird. Irgendwann wird einem dann aber klar, dass genau dieses Faktenwissen wichtig ist, später im echten Berufsleben.