Prüfen – Rufen – Drücken!

Prüfen – Rufen – Drücken!

Traurig, aber leider wahr: In einer Notfallsituation traut sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht, Erste-Hilfe-Maßnahmen durchzuführen – und das schon seit Jahren. Grund hierfür ist in den meisten Fällen die Angst, beim Helfen etwas falsch zu machen, die Situation noch zu verschlimmern, oder gar für eventuelle Fehler haftbar gemacht zu werden.

Corona hat die Lage noch verschärft, denn vielerorts konnten aufgrund der Kontaktbeschränkungen keine Erste-Hilfe-Kurse angeboten werden. Dazu kommt die Angst, sich als Ersthelfer mit Corona anzustecken.

Mit einigen Mythen und Vorurteilen möchte Dr. Michael Dinkel, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Campus Bad Neustadt, aufräumen: „Niemand braucht Angst davor zu haben, Fehler zu machen. Der einzige wirklich gravierende Fehler ist, nichts zu unternehmen.“

Wichtig zu wissen ist: Ersthelfer müssen nur die meist geringe Zeitspanne zwischen ihrer Ankunft am Unfallort und dem Eintreffen des Notarztes überbrücken. In Deutschland sind das statistisch gesehen lediglich acht bis zwölf Minuten. „Wird sie engagiert genutzt, kann das in vielen Fällen Leben retten“, so Dr. Dinkel.

Was vielen Menschen nicht bewusst ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in einem Notfall anstatt um eine völlig fremde Person um einen nahestehenden Angehörigen handelt, ist wesentlich größer.

Deshalb ist es sinnvoll, Vorerkrankungen (beispielsweise Diabetes, Epilepsie, Herz-/Kreislaufprobleme) in der Familie und im Freundeskreis zu kennen und sich schon im Voraus gedanklich auf einen möglichen Notfall vorzubereiten.

„Vergessen Sie alle Studien und Anleitungen zur Wiederbelebung, die Sie irgendwann einmal gehört haben. Merken Sie sich vielmehr den Leitsatz: PRÜFEN-RUFEN-DRÜCKEN!“ – so bringt es Dr. Dinkel auf den Punkt.

Das bedeutet: „Prüfen“, ob mein Gegenüber ansprechbar ist, „rufen“ Sie ärztliche Hilfe (also tätigen Sie den Notruf 112) – und anschließend: „Drücken“ im Sinne einer Herz-Druck-Massage, ca. 100 Mal pro Minute.
Auf eine Mund-zu-Mund-Beatmung kann im Zweifel verzichtet werden, denn kurzfristig geht es vielmehr darum, dass der noch vorhandene Sauerstoff im Blut zirkulieren muss. Denn nicht zuletzt in Corona-Zeiten schreckt die Angst vor einer eigenen Infektion viele Ersthelfer ab. „Überlassen Sie das ruhigen Gewissens den Profis“, beruhigt Dr. Dinkel.
Für einige häufige Notfallsituationen gibt er Tipps für das richtige Verhalten als Ersthelfer.

Plötzlicher Herzstillstand

Bei einem Verdacht auf plötzlichen Herzstillstand ist schnelles Handeln gefragt. In der Regel ist die betroffene Person bewusstlos und atmet nicht mehr. Innerhalb von fünf Minuten sollte jetzt eine wirksame Herzdruckmassage stattfinden. Nur dann ist ein Überleben ohne Hirnschädigung möglich.
Hier sollte man unbedingt wieder den Leitsatz im Kopf behalten: PRÜFEN – RUFEN – DRÜCKEN!

Epileptischer Anfall

Ein epileptischer Anfall kann Menschen, die diesen miterleben, zunächst irritieren. Dabei ist auch hier beherztes Eingreifen ebenso einfach wie wirksam. Experten wie Dr. Dinkel raten grundsätzlich dazu, auch hier Ruhe zu bewahren. „Das mag schwerfallen, ist aber äußerst wirksam und entspannt die Gesamtsituation“, sagt er. Zudem ist es wichtig, den Menschen, der den Anfall erleidet, nicht allein zu lassen: „Schützen Sie ihn vor Verletzungen und räumen sie gefährliche Gegenstände aus dem Weg, aber halten Sie ihn keinesfalls fest oder versuchen Sie niemals einen Beißkeil oder ähnliches zwischen die Zähne des Betroffenen zu stecken. Das birgt eine sehr große Verletzungsgefahr, da Menschen während eines Krampfanfalls enorme Kräfte entwickeln können!“, rät Dr. Dinkel.
Wichtig zu wissen: In der Regel halten derartige „Gewitter im Kopf“ nur wenige Sekunden oder Minuten an.

Schlaganfall

Wesentlich ernster sind Schlaganfälle, also plötzliche Durchblutungsstörungen im Gehirn. Sie äußern sich z. B. in Lähmungen oder Sprachstörungen. Hier gilt für alle, die helfen möchten: „Time is Brain“, was bedeutet: Je schneller ein Patient mit einem Schlaganfall behandelt wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass keine bleibenden Behinderungen oder Beeinträchtigungen auftreten, denn innerhalb kürzester Zeit der Unterversorgung können viele Gehirnzellen absterben.
Deshalb gilt in diesem Fall: schnellstmöglich ärztliche Hilfe holen, am besten über den Notruf 112.
Der Ersthelfer sollte die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes nutzen, um den Patienten zu beruhigen. Ist der Patient weiter bei Bewusstsein, sollte man den Oberkörper überhöht lagern. Bei Bewusstlosigkeit aber, wenn der Patient noch atmet, empfehlen Experten wie Dr. Dinkel eine einfache stabile Seitenlage.

Fremdkörperaspiration

Zupackende Erste Hilfe ist auch dann gefragt, wenn Menschen, vor allem Kinder, Fremdkörper verschluckt haben. Auch hier rät Dr. Dinkel dazu, Betroffene zunächst zu beruhigen und Panik zu verhindern. Zudem sollte man die betroffene Person zum Weiterhusten auffordern und einen eventuell hochgewürgten Fremdkörper anschließend aus dem Mund entfernen. Säuglinge und Kleinkinder kann man dazu übers Knie kopftief lagern und zwischen die Schulterblätter klopfen. Sollte das nicht gelingen, kann der sogenannte Heimlich-Griff zur Anwendung kommen. Der Notarzt muss schnellstmöglichst alarmiert werden.

Verbrennungen

Bei leichten Verbrennungen 1. Grades hilft Kühlen der betroffenen Stelle mit fließendem handwarmem (keinesfalls eiskaltem!) Wasser. Dies kann helfen, den Schaden zu begrenzen und Schmerzen zu lindern. Ist die Verbrennung dagegen schwerer, oder betrifft sie mehr als 20 Prozent der Körperoberfläche, rät Dr. Dinkel vom Kühlen ab. Dann sollte ein Notarzt zur Hilfe gerufen werden. Keinesfalls sollten bei Verbrennungen sogenannte „Hausmittel“ wie Salben, Backpulver oder Desinfektionsmittel eingesetzt werden. Diese könnten die Verletzung weiter verschlimmern.

Dr. Dinkel möchte potentiellen Ersthelfern unbedingt die Angst nehmen, etwas falsch zu machen:

„Was die Haftung angeht, gilt für all jene Nothelfer, die in zufälligen Situationen Erste-Hilfe-Maßnahmen ergreifen, ein sogenanntes Haftungsprivileg. Das bedeutet, dass die helfende Person von der Haftung befreit ist, außer bei vorsätzlichem oder grob fahrlässigem Fehlverhalten. Unterlassene Hilfeleistung hingegen ist ganz klar eine Straftat.“

Grundsätzlich rät der Experte allen Menschen dazu, sich regelmäßig mit dem Thema Erste Hilfe zu beschäftigen und einen Kurs zu besuchen. „Er sorgt nicht nur dafür, dass man im Ernstfall genau weiß, was zu tun ist, sondern es verleiht auch ein gutes Gefühl, wenn man davon ausgehen kann, dass man im Fall eines Notfalls schnell und richtig reagieren kann. Wichtig ist, bei den Kleinsten anzufangen und das Thema „Erste Hilfe“ in den Schulen zu etablieren.

Außerdem können die mittlerweile zahlreichen Smartphone-Apps wie die vom Roten Kreuz oder der Malteser sehr hilfreich sein. Diese „Erste Hilfe“-Apps bieten eine interaktive Begleitung in einer Notfallsituation und helfen auf spielerische Weise, das richtige Verhalten in Grenzsituationen zu üben.

Kompetent zusammengestellte Informationen rund ums Thema Lebensrettung finden sich zudem auf der Website „Ein Leben retten“ der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin.

 

Ihr Experte bei Fragen zur Ersten Hilfe
Priv.-Doz. Dr. med. Michael Dinkel MBA
Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin