Durchblutungsstörungen erfordern „Therapie aus einem Guss“

Durchblutungsstörungen erfordern „Therapie aus einem Guss“

Krankhafte Gefäßveränderungen beeinträchtigen viele Menschen in ihrem Alltag. Spätestens dann, wenn es Betroffenen nicht mehr möglich ist, wenige hundert Meter ohne Schmerzen zu gehen, ist es an der Zeit, einen Spezialisten aufzusuchen. Einer von ihnen ist Privatdozent Dr. Thomas Schmandra. Er ist Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie an der Herz- und Gefäß-Klinik Bad Neustadt. Im Gespräch erklärt er, was man unter der bei Durchblutungsstörungen oft diagnostizierten „Schaufensterkrankheit“ versteht, wer besonders betroffen ist – und wie man das Leiden bestmöglich behandelt.

Schmerzen in den Beinen, nicht mehr unbegrenzt beschwerdefrei laufen können – hierüber klagen viele Patienten von Dr. Thomas Schmandra. Er ist Gefäßchirurg und weiß aus Erfahrung, dass der Grund für dieses weit verbreitete Leiden oftmals Durchblutungsstörungen sind. Diese wiederum sind die Folge von Gefäßerkrankungen, die eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland darstellen.

Spricht man mit Dr. Schmandra über solche Gefäßerkrankungen, taucht ziemlich schnell der Begriff „Periphere Arterielle Verschlusserkrankung“, kurz: pAVK, auf, und mit ihm auch der häufig gebrauchte Ausdruck „Schaufensterkrankheit“, der darauf anspielt, dass Betroffene aufgrund ihres Beinschmerzes vor Schaufenstern stehenbleiben, um Passanten über den wahren Grund ihres Stehenbleibens zu täuschen.

Diagnose: Gefäßverkalkung

„Aus Sicht der Medizin“, sagt der Arzt, „handelt es sich hier um eine Gefäßverkalkung, die über Monate und Jahre voranschreitet und dann zum chronischen Verschluss der Schlagader führt“. Wenn solche Verengungen oder Verschlüsse entstehen, können zum Beispiel die Beine über das Blut nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden, was für Betroffene weitreichende Konsequenzen haben kann. Zudem geben Durchblutungsstörungen der Beine den Ärzten oftmals einen Warnhinweis auf eventuell gleichzeitig vorhandene Erkrankungen der Gefäße in lebenswichtigen Organen wie etwa Niere, Herz und Gehirn, weiß die Wissenschaft.

Wird nicht rechtzeitig ärztlich behandelt, droht möglicherweise sogar eine Amputation von Zehen, Fuß, Unterschenkel oder des ganzen Beines. Und weil Durchblutungsstörungen natürlich nicht auf die Arterien der Beine beschränkt sind, können gleichzeitig auch die Herzkranzgefäße oder die hirnversorgenden Gefäße betroffen sein. Das bedeutet, dass Menschen mit Durchblutungsstörungen in den Beinen auch dem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.

Kosename: „Schaufensterkrankheit”

Von dem, was man nun als „Schaufensterkrankheit“ bezeichnet, seien Männer vier- bis fünffach häufiger betroffen als Frauen, sagt Dr. Schmandra. Grund dafür: Die Risikofaktoren, die zur Ausbildung einer Arteriosklerose, also von Verschlüssen im Gefäßsystem, führen, seien im männlichen Geschlecht häufiger vorhanden als im weiblichen. Konkret spricht der Arzt von Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus, Rauchen, dem männlichen Geschlecht als solchem – und dem Alter. Dieses und das Geschlecht lasse sich natürlich nicht beeinflussen, sagt Dr. Schmandra, „aber alle anderen schon!“ Durch einen gesunden Lebensstil nämlich.

Die schlechte Nachricht: Wenn ein gewisser Punkt überschritten ist im Verlauf der Krankheit, sei diese unheilbar, sagt der Arzt, denn dann handele es sich um einen chronisch voranschreitenden Prozess. Nach Aufsuchen eines Gefäßchirurgen sei der Patient dann bestenfalls beschwerdefrei: „Aber die Neigung der Gefäße zu verkalken ist im Patienten selbst drin, und das bis zum letzten Tag auf Erden“, sagt Dr. Schmandra. Viele Patienten mit Durchblutungsstörungen kämen „immer wieder zu uns Ärzten zurück”, erzählt er. Oftmals gebe es bei ihnen über die Jahre an vielen verschiedenen Stellen Probleme, „am rechten Bein, am linken Bein, am Oberschenkel, am Unterschenkel, an der Halsschlagader”.

Erfolgsrezept: Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Eben weil eine Heilung irgendwann nicht mehr möglich ist, gelte es in solchen Fällen, das Voranschreiten der Krankheit möglichst langsam zu gestalten, sagt Dr. Schmandra. Um diesem Ziel näher zu kommen, sei es wichtig, sich als Betroffener auf die Risikofaktoren zu konzentrieren. Der Patient selbst sollte sich vor allem vom Rauchen verabschieden, rät der Arzt. Den Rest versuchen er und sein Team in den Griff zu bekommen. Ein Teil des Erfolgsrezepts lautet interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Hausärzten der Patienten, aber auch mit Diabetologen, Nierenspezialisten, Neurologen und Kardiologen: „Wir alle zusammen kümmern uns um die Patienten“, sagt Dr. Schmandra, „das weitet den Blick“.

Um den Grad der Betroffenheit eines Patienten einordnen zu können, hat die Medizin die arterielle Verschlusserkrankung in vier Stadien eingeteilt. Im ersten, sagt der Arzt, weise der Patient noch keine klinische Symptomatik auf, die Gefäßverschlüsse würden hier meist beiläufig entdeckt, während sich die Person wegen einer anderen Erkrankung einer Untersuchung unterziehe. Stadium zwei beschreibt dann die eigentliche „Schaufensterkrankheit“, die sich dadurch auszeichnet, dass die Durchblutung der Muskulatur nicht mehr ausreicht, um die Muskeln adäquat mit Sauerstoff zu versorgen. Bei Belastung würden diese dann wehtun, weswegen Betroffene während des Gehens plötzlich stehenbleiben würden, erklärt der Arzt.

In Stadium drei sei die Durchblutung dann derart schlecht, dass die Muskulatur betroffener Patienten selbst beim Liegen auf der Couch Schmerzen verursache. In Stadium vier schließlich kommt es durch die chronische Minderdurchblutung zur Ausbildung eines Gewebedefektes, also zu Geschwüren, oder zum Absterben von Gewebe, aus dem eine Schwarzverfärbung von Gließmaßen folge, sagt Dr. Schmandra.

Ursache, nicht Symptom muss behandelt werden

Wichtig ist ihm, dass eine solche schwarze Zehe oder ein ganzer schwarzer Fuß von einem Chirurgen nicht reflexartig amputiert wird, sondern die Situation der Durchblutung vorab sorgfältig medizinisch geprüft wird. „Zuallererst sollten wir Gefäßchirurgen da einen Blick drauf werfen“, sagt Dr. Schmandra. In vielen Fällen ließen sich Gliedmaßen mit einer Gefäßoperation noch retten. Wichtig sei grundsätzlich, immer die Ursache zu behandeln. Und das Auffinden dieser brauche manchmal eben ein wenig Zeit.

Wann nun sollte die „Schaufensterkrankheit“ überhaupt behandelt werden? „Grundsätzlich schauen wir uns das Beschwerdebild des Patienten an, dann entwickeln wir unser auf die Person individuell abgestimmtes Behandlungskonzept“, sagt der Gefäßchirurg: „Wenn beim Betroffenen die Beschwerden erst nach 800 Metern oder 1200 Metern Gehen auftreten, müssen wir nicht gleich unter Vollnarkose operieren und einen Bypass anlegen, das wäre unverhältnismäßig“, sagt der Arzt.

In solch einem Fall würde er Patienten raten, zunächst Risikofaktoren, wie eben das tückische Rauchen, in den Griff zu bekommen und jeden Tag ein Gehtraining zu absolvieren. Bei diesem gehe man „bis zur Schmerzgrenze“, bleibe dann stehen und mache fünf Minuten Pause, wodurch der Muskel sich erholen könne. „Dann läuft man wieder, bis es anfängt wehzutun. Dann macht man wieder eine Pause.“ Dieses Prozedere sollte der Patient jeden Tag eine Stunde lang durchspielen. Auf diese Weise werde es dem Körper möglich, eigene Umgehungskreise seiner Verschlussprozesse ausbilden, sagt Dr. Schmandra: „Im Idealfall führt das dazu, dass sich die Wegstrecke, die man schmerzfrei gehen kann, mehr als verdoppelt.“

Mit Katheterverfahren oder operativ würden er und sein Team in der Regel nur jene Menschen behandeln, die ohne Beschwerden nur noch eine Wegstrecke von unter 200 Metern zurücklegen könnten, sagt Dr. Schmandra: „Bei allen anderen verbleiben wir konservativ.“ Grundsätzlich, sagt der Arzt, zeichne sich eine gute Gefäßchirurgie nicht nur durch operative Expertise aus, sondern auch durch die im Vorfeld stattfindende Prophylaxe und die nach der Operation stattfindende Nachsorge, „also das, was wir in der Sprechstunde mit den Patienten bereden und wie wir sie untersuchen“. In ebendiesen Bereichen seien er und sein Team auch auf diejenigen Kollegen angewiesen, die Dr. Schmandra „seine Partner“ nennt – Ärzte vor Ort und aus verschiedenen Fachbereichen: „Es geht um das, was ich ‚Therapie aus einem Guss‘ nenne, dass wir uns alle zusammen um den Gefäßpatienten kümmern.“

Priv.-Doz. Dr. Schmadra, Chefarzt der Gefäßchirugie in der Herz- und Gefäß-Klinik Bad NeustadtIhr Experte für Durchblutungsstörungen:
Privatdozent Dr. Thomas Schmandra
Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie an der Herz- und Gefäß-Klinik Bad Neustadt