Psychologe über Corona-Quarantäne: „Beziehungsstress auf jeden Fall thematisieren!“

Psychologe über Corona-Quarantäne: „Beziehungsstress auf jeden Fall thematisieren!“

Wochen der Quarantäne oder zumindest des gesellschaftlichen Ausnahmezustands liegen schon hinter den meisten Europäern. In den sozialen Netzwerken kursieren weiterhin Gerüchte, fast alle Witze über das Virus sind erzählt. Was bei vielen bleibt, ist ein diffuses Gefühl der Unsicherheit. Denn kaum jemand kann von sich sagen, etwas Derartiges wie die Corona-Pandemie jemals zuvor erlebt zu haben.

Im Gespräch mit dem RHÖN-Gesundheitsblog spricht Professor Dr. Martin Siepmann, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Klinik am Campus Bad Neustadt, über die Herausforderungen für all jene, die in häuslicher Quarantäne verharren müssen – und gibt Tipps, wie man das Beste aus der aktuellen Situation machen kann.

Herr Professor Siepmann, die meisten von uns sind im Moment viel zuhause. Ist das eigentlich normal, wenn man sich in der Beziehung oder in der Familie nach einer gewissen Zeit auf den Wecker geht?

Ich denke schon. Die Quarantäne in Corona-Zeiten stellt einen enormen Stressfaktor dar. Länger andauernde Isolation in einer Familie oder Wohngemeinschaft kann die Beziehungen belasten, mit neuen bisher nicht gekannten Emotionen.

Wie entsteht dieser Stress?

Dahinter verbirgt sich ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Man sieht sich einer Herausforderung gegenüber, die unmöglich zu bewältigen scheint. Wenn Ärger sich dann angestaut hat, kommt es möglicherweise zu einem heftigen Ausbrüchen von Wut und Verzweiflung.

Was sind häufige Gründe für Angst und Unsicherheit der Menschen?

Aktuell haben viele Angst, sich selbst mit dem Virus zu infizieren. Gleichzeitig plagen in vielen Fällen auch finanzielle Nöte oder die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Bei Angehörigen von Gesundheitsberufen spielt Angst vor Ausgrenzung und Stigmatisierung eine besondere Rolle.

Gibt es Menschen, die durch die Isolation besonders gefährdet sind?

Sowohl Menschen, die ohnehin in Einsamkeit leben, als auch alle, die jetzt quasi zu zweit oder in der Familie „einsam“, weil weitgehend abgeschlossen von der Außenwelt, sind. Der Mensch ist ein soziales Wesen und lebt von der Bindung. Die Vereinsamung führt, wenn der Ärger nach innen gerichtet wird, zu Depression und psychosomatischen Störungen. Und wenn er nach außen gerichtet wird, zu Konflikten und Streit mit Eskalation bis zur Gewalt. Wenn der genannte, durch die Isolation hervorgerufene Stress lange anhält, ist er nicht zu unterschätzen.

Warum?

Grundsätzlich beeinträchtigt Stress das Immunsystem – und damit natürlich auch die Abwehrmöglichkeiten gegen das Coronavirus. Treten Depression oder psychosomatische Störungen auf, können diese für lange Zeit nach Aufhebung der Quarantäne fortbestehen. Wir wissen außerdem, dass es in derartigen Situationen, wie wir sie aktuell durchleben, in Haushalten vermehrt zu sexueller, häuslicher Gewalt kommen kann. Bekannt ist zudem der sogenannte Lagerkoller, den man von Zwangsinhaftierten kennt, die dann zu plötzlichen aggressiven Impulsdurchbrüchen, aber auch zu Verzweiflung neigen.

Spielen die sozialen Medien, die im Moment ja besonders stark genutzt werden, diesbezüglich eine Rolle?

Ja, sie können derartige Gefühle noch verstärken. Zudem neigen manche Menschen in Isolation zu Alkohol- und Drogenmissbrauch.

In Anbetracht all dieser Gefahren: Was würden Sie uns allen denn aktuell raten, was unseren neuen „Alltag“ angeht?

Da ist Struktur ganz wichtig, dass man also für bestimmte Dinge feste Zeiten festlegt. Das gilt für Aktivitäten, aber eben auch für Ruhephasen und Schlafenszeiten. Helfen können Sport, und allgemein Bewegung an der freien Luft. Das hat eine entspannende Komponente. Achtsamkeitsübungen sind ebenfalls hilfreich. Eine gesunde Ernährung ist nützlich.

Wie sollte man sich gegenüber der Partnerin/dem Partner bzw. der Familie verhalten?

Familien- oder Beziehungsstress sollte man auf jeden Fall thematisieren. Am besten auch hier einen festen Zeitpunkt wählen, an dem man bestimmte Themen anschneidet, zum Beispiel während des Abendessens. Hier sollte niemand ausgeschlossen sein. Toxisch ist auch, die eigenen Gedanken und Gefühle zu verschweigen oder zu überspielen. Denn in diesem Fall können sich Ärger und Aggressionen bis zur Entladung anstauen. Außerdem ist es wichtig, sich Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen. Zum Beispiel indem man im Wald spazieren geht. Das führt zu einer Entlastung.

Und wie verhält man sich am besten, wenn der eigene Partner trotzdem wütend oder übergriffig wird?

Hier ist es wichtig, schnell Hilfe zu mobilisieren und eben nicht stillzuhalten. Man kann mit Freunden reden oder sich an Beratungs- und Krisendienste wenden. Bei massiver Gewalt kann die Polizei schnell helfen. Natürlich auch dann, wenn es einen nicht selbst betrifft, sondern zum Beispiel Freunde oder Nachbarn. Wenn Kinder betroffen sind, kann der Kinderschutzbund helfen, und grundsätzlich auch die Seelsorge, die ja auch telefonisch erreichbar ist. Wenn Sie das Gefühl haben, die psychische Belastung alleine nicht bewältigen zu können, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ärztliche und psychologische Psychotherapeuten bieten dafür zunehmend Telefon- und Videosprechstunden an.

Können Sie sich vorstellen, dass die Krise uns als Gesellschaft in irgendeiner Form auch stärker macht?

Ich denke, dass die Situation zu einer Art gesellschaftlichen Entschleunigung beiträgt, die uns allen guttut.

Liegt in der Krise und der verordneten Isolation auch die Chance, sich einmal wieder verstärkt mit sich selbst auseinanderzusetzen?

Das ergibt sich aus der Entschleunigung. Plötzlich ist mehr Raum da für mich selbst und die Sinnsuche. Vielleicht gelingt es einem, wieder ein Stück langsamer und damit auch sinnhaftiger zu leben als in der unendlichen Beschleunigung. Wünschenswert wäre, dass man selbst – und auch die Gesellschaft – anhand des Durchlebens der Krise – wieder zu einem neuen Gleichgewicht kommt.

Wie lange sollte die Politik aus Ihrer Sicht die Quarantäne-Maßnahmen aufrecht erhalten?

Da ist ein sorgfältiges Abwägen ganz wichtig. Aktuell ist es so, dass der Epidemiologe das Sagen hat. Er sorgt sich darum, die Infektionsketten durch Isolierung der Menschen zu verlangsamen. Aber man muss natürlich auch die andere Seite sehen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, der Bindungen eingeht. Und er hat intelligente Lösungen geschaffen, indem er sich mit anderen zusammentut. Wenn man Menschen nun isoliert, erleidet man einen Kollateralschaden, den wir jetzt schon in der Wirtschaft und anhand der psychischen Belastung der Menschen zu spüren bekommen. In derartigen Situationen steigt auch regelmäßig die Anzahl von Suiziden.

Also die Isolation politisch möglichst schnell beenden?

Wenn man die Isolation immer weiter ausdehnt, überwiegt irgendwann der von ihr ausgehende Schaden den Nutzen. Man sollte die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen also regelmäßig neu bewerten und erklären. Auch sollte eine Perspektive gegeben werden.

Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Disziplin, die Psychologie, im aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskurs genug Beachtung findet?

Im Moment steht sie tatsächlich etwas zurück, finde ich. Gebraucht werden wird sie sicherlich wieder verstärkt dann, wenn die Lockerungen der Isolation stattgefunden haben und dann, wenn die Krise zumindest gesundheitspolitisch als weitgehend erledigt gilt. Gleichwohl muss man sagen, dass die Beschränkungen in Deutschland bislang mit Augenmaß getroffen worden sind. Freizeitaktivitäten, also das Verlassen des Hauses zum Spazieren gehen, Joggen, Fahrradfahren oder Buch lesen auf der Parkbank alleine, waren und sind ja weiterhin möglich.

Professor Dr. Siepmann

 

 

 

 

 

Ihr Experte für Psychosomatik:
Prof. Dr. Siepmann
Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Klinik am Campus Bad Neustadt