Jeder Geimpfte zählt!

Jeder Geimpfte zählt!

Die hauptsächlich medial geführte Debatte rund um den Impfstoff von Astrazeneca hat in weiten Teilen der Bevölkerung Verunsicherung ausgelöst: Kann man sich mit diesem Vakzin bedenkenlos impfen lassen?

Ja! – Sagt eine, die es wissen muss: Die Professorin Dr. med. Susanne Herold ist nah dran am Geschehen. Sie hat die Professur für Infektionserkrankungen der Lunge an der Medizinischen Klinik II für Pneumologie, Infektiologie, Intensivmedizin, Nephrologie & Gastroenterologie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) am Standort Gießen inne. Und neben ihrer Tätigkeit als Wissenschaftlerin als praktizierende Ärztin auch viel mit Patienten vor Ort zu tun.

Im Gespräch mit dem RHÖN-Gesundheitsblog beantwortet sie die wichtigsten Fragen zum Thema. Und mahnt auch, was Deutschland jetzt auf keinen Fall passieren darf.

Frau Professorin Herold, die Unsicherheit rund um den Impfstoff von Astrazeneca ist im Moment groß. Was sagen Sie Ihren Patienten, wenn diese diesbezüglich Bedenken äußern?

Die Effektivitätsdaten des Impfstoffs von Astrazeneca sind ähnlich denen der anderen verfügbaren Impfstoffe. Das belegen umfangreiche Datensätze von vielen Millionen Geimpften, unter anderem aus Großbritannien. Wir wissen auch, dass der Impfstoff von Astrazeneca gegen schwere Covid-Erkrankungen und Tod mindestens genauso gut vorbeugt wie die verfügbaren mRNA-Impfstoffe, also die von Biontech/Pfizer oder Moderna. Aufgrund der positiven Datenlage ist der Impfstoff von Astrazeneca mittlerweile auch für die Über-65-Jährigen ohne Einschränkung in Deutschland empfohlen.

Es gibt also überhaupt keinen Grund, einen der Impfstoffe vorzuziehen oder abzulehnen.

Trotzdem wissen wir, dass es noch viele kritische Stimmen gibt.

Nachdem die Europäische Arzneimittelzulassungsbehörde (EMA) erneut am 18. März die Sicherheit des Impfstoffes bestätigt hat, sind die Zweifel ausgeräumt, die kürzlich im Hinblick auf eine fragliche Häufung von Blutgerinnseln und Embolien aufgekommen sind. Sieht man sich die Kommentare zum Impfstoff von Astrazeneca an, die die renommierten Experten äußern, wird klar: Hier gibt es eine einheitliche Sicht der Dinge, die eindeutig für eine Impfung mit diesem Vakzin spricht.

Auf welche Fakten stützen sich diese Einschätzungen?

In der Kohorte der Geimpften, das sind in Europa rund 20 Millionen Menschen, ist die Inzidenz der gefürchteten Thrombosen und Embolien sogar niedriger als in der Allgemeinbevölkerung. Bei einer speziellen Unterform dieser Ereignisse, der Gehirnvenenthrombose, konnte ebenfalls keine erhöhte Inzidenz bei Geimpften bestätigt werden. Es wurden zum Zeitpunkt des Impfstopps sieben Fälle gemeldet – bei, wie gesagt, 20 Millionen Geimpften. Die Wahrscheinlichkeit, im Rahmen einer Covid-Erkrankung eine Thrombose oder Embolie zu erleiden, ist dagegen um ein Vielfaches höher. Bei schwer erkrankten Covid-Patienten liegt sie je nach Studie bei über 30 Prozent. Es gibt also wirklich keinen Grund, jetzt weiter die Impfprogramme auszusetzen.

Kollegen von Ihnen weisen in diesem Zusammenhang unter anderem auch auf den wichtigen Unterschied zwischen „Nebenwirkung“ und „Impfreaktion“ hin.

Diese Unterscheidung ist, gerade in der aktuellen Debatte, sehr wichtig: Wenn über sogenannte „Nebenwirkungen“ berichtet wird, handelt es sich oftmals schlicht um ganz normale Impfreaktionen. Hierzu muss man wissen: Jede Impfung aktiviert das Immunsystem zu einer Reaktion. Das ist Sinn der Sache. Denn man möchte ja, dass der menschliche Körper Antikörper produziert. Und dieser Prozess macht natürlich etwas mit dem Körper. Und jeder Mensch spürt das mehr oder weniger, jüngere Menschen mehr als Ältere. Fakt ist: Dass man sich kurzzeitig mal nicht wohl fühlt, wenn der Körper auf diese Weise zum „Arbeiten“ und „Kämpfen“ animiert wird, ist völlig normal. Da muss man sich keine Sorgen machen. Das ist eine erwünschte Impfreaktion, die man in Ruhe aussitzen kann.

Bedenken gibt es auf Seiten der Bevölkerung offenbar trotzdem noch genug: Und ganz allgemein geht es in Deutschland im Moment eher schleppend mit der Impfung voran.

Diese Entwicklung beobachte ich mit Sorge.

Jede Impfdosis, die nicht verimpft werden kann, bedeutet ein potenzielles Risiko für all jene, die bisher nicht immunisiert sind.

Das heißt, dass gerade Millionen von Menschen Gefahr laufen, krank zu werden, schwere Langzeiteffekte durchleiden zu müssen oder gar an Covid-19 zu sterben. Jeder aktuell nicht Geimpfte kann weitere Menschen anstecken und ist selbst ein potenzieller Toter. Die Mortalitätszahlen liegen über die Altersgruppen verteilt derzeit bei 1-2 Prozent.

Wie ordnen Sie die aktuelle Corona-Lage als Expertin grundsätzlich ein?

Wir müssen jetzt so schnell wie möglich durchimpfen. Wir stehen am Beginn der dritten Welle, die sich auch mit restriktiven Lockdownmaßnahmen nur schwer beherrschen lassen wird. Dagegen müssen wir an-impfen und das Ziel einer weitgehenden Herdenimmunität im Frühherbst erreichen.

Wenn wir noch einmal in eine vierte Winterwelle kommen, wird es katastrophal.

Jetzt, wo wir dieses Interview führen, fordern Intensivmediziner einen sofortigen Lockdown. Wie zuversichtlich sind Sie aktuell angesichts wieder ansteigender Inzidenzen in weiten Teilen Deutschlands?

Die aktuell wieder steigenden Zahlen führe ich darauf zurück, dass die Kontaktbeschränkungen mittlerweile nicht mehr besonders gut greifen. Darüber hinaus besteht erhöhte Ansteckungsgefahr durch die bekannten neuen Varianten wie B.1.1.7. Dass sich diese durchsetzt, ist allerdings nicht weiter erstaunlich, das hatte die Wissenschaft seit Längerem erwartet. Es scheint allerdings eine etwas höhere Infektiosität zu geben als bei der ursprünglichen Variante. Wenn jetzt weitere Lockerungen stattfinden, wird die Zahl der Corona-Fälle wieder deutlich ansteigen.

Sie sind neben Ihrer Tätigkeit als Wissenschaftlerin auch praktizierende Ärztin. Würden Sie sagen, dass die Impfbereitschaft in Deutschland auf einem Niveau ist, mit dem sich arbeiten lässt?

Damit die Pandemie eingedämmt werden kann, müssen wir es schaffen, mindestens zwei Drittel der Bürger, besser 75 Prozent, zu impfen. Derzeit kann man anhand aktueller Zahlen davon ausgehen, dass sich nur 50 bis 60 Prozent impfen lassen wollen. Oft hängt dieser Anteil auch von der aktuellen medialen Berichterstattung ab. Fakt ist: Das sind zu wenig Menschen. Wir brauchen eine höhere Impfbereitschaft!

Wie lässt sich diese Impfbereitschaft erreichen?

Unter denjenigen, die sich aktuell nicht impfen lassen möchten, sind ja vor allem Menschen, die nicht generelle Impfgegner sind, sondern die einfach nur verunsichert sind oder Angst haben, dass der Impfstoff auch etwas Negatives verursacht.

Wie kann man diesen Bedenken als Ärztin und Wissenschaftlerin begegnen?

Man muss noch besser aufklären und Sachverhalte wie den aktuellen rund um Astrazeneca gut und detailliert erklären. Wichtig ist Transparenz, und dass die Menschen das Gefühl haben, mit ihren Ängsten ernst genommen zu werden.

Was ist da Ihre Erfahrung in der Klinik? Kann man verunsicherte Menschen überzeugen?

Ja, absolut. Wenn man die Daten darlegt, wie sie sind und sie erklärt, dann sind Patienten und auch Mitarbeitende dankbar. Gerade weil wissenschaftliche Daten eben oft nur schwierig zu durchschauen sind. Ich erkläre in letzter Zeit öfter, wie eine klinische Studie oder eine Impfstudie abläuft. Damit kann man viel Vertrauen schaffen. Und dieses Vertrauen ist etwas, das wir gerade sehr dringend brauchen.

Foto: Rolf K. Wegst

 

Ihre Expertin für Infektionskrankheiten:
Professorin Dr. med. Susanne Herold
Abteilungsleiterin Infektiologie/Professur für Infektionskrankheiten der Lunge, Medizinische Klinik II für Pneumologie, Infektiologie, Intensivmedizin, Nephrologie & Gastroenterologieam

Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) am Standort Gießen